Wenn das Gehirn das Denken aufgibt

Bücher über die Demenz der Eltern sind bereits ein eigenes Literatur-Genre. Nun hat auch der Journalist Andreas Wenderoth ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben: „Ein halber Held – Mein Vater und das Vergessen“.

Darf man das? Der Vater kann sich schließlich nicht mehr wehren. Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger musste sich von seinen Rezensenten den Vorwurf gefallen lassen, er schlachte das Schicksal seines Vaters aus. Und doch feierte er mit „Der alte König in seinem Exil“ große Erfolge. Die Verkaufszahlen sprechen für sich. Geiger beschreibt den Vater in einer berührend zärtlichen, poetischen Art. Das war neu, 2010.

Andreas Wenderoth schlägt ebenfalls einen liebevollen Ton an, überrascht vom Wortwitz seines in die Demenz abgleitenden Vaters. Horst Wenderoth war als langjähriger Rias-Redakteur stets ein Mann der Worte. Die gehen dem fast 90-jährigen auch mit dem Aussetzen der Gedächtnisleistung nicht verloren, nur gibt er ihnen neue Bedeutungen. Fasziniert verwickelt der Sohn den Vater  in Gespräche, immer wieder aufs Neue, und protokolliert die eigentümlichen Wortwendungen für sein Buch:

Beim nächsten Besuch redet er von „Aussetzern im Kopf“ und erklärt, dass er in einer Art Kriegszustand mit sich selbst sei: „Mein Gedächtnis ist verwirrt und liefert ganz überraschende Bilder. Es will etwas anderes als ich. Und manchmal vergesse ich sogar mein Gedächtnis.“

Angehörige von Dementen kennen diese Gespräche mit offenem Ausgang nur zu gut. Sie sind oft quälend. Solange bis man mit den Sätzen mitschwingt, nicht mehr versucht, die Dinge richtig zu stellen und den Erkrankten in seiner Wahrnehmung zu korrigieren. Demenz-Experten raten zu dieser „Validation“.

Andreas Wenderoth nimmt uns mit auf diese Reise. Ein ausgesprochen literarisches Buch ist es geworden, eine Liebeserklärung an den Vater, das Protokoll einer Annäherung. Und eine Art Memorandum für alle Dementen. Mit vollem Respekt. Chapeau.

Mehr über „Halber Held“ und Andreas Wenderoth in meinem Portrait:

“Sonntags – TV fürs Leben”, 13.3.2016, 9 Uhr, ZDF

Leider nicht mehr in der ZDF-Mediathek: Land des Vergessens, ab Minute 10:23