Mit Anna an die Ostsee

Wenn wir Journos über Menschen mit Behinderungen berichten, machen wir daraus Helden-Storys: „Boah, wie die das schaffen.“ „Bewundernswert“. Insbesondere Eltern von behinderten Kindern stellen wir gern auf einen Sockel.

Dass ich auch so arbeite, ist mir bewusst geworden, als ich Tabea Hosche traf. Sie ist Fernsehautorin wie ich und hat über viele Jahre ihr Familienleben mit einer behinderten Tochter gefilmt. Die heute siebenjährige Uma hat einen seltenen Gendefekt. Eines Tages erzählte Tabea, dass Sie aus ihrem Material einen Film für die WDR-Sendereihe „Menschen – hautnah“ produzieren werde. „Aber“, sagte sie, „ich will keinen Film über die Mutter als Heldin machen.“ Ich horchte auf. Was meinte sie? „Alle gutgemeinten Dokus und Portraits erklären uns immer zu Heldinnen“, erklärte sie mir.

 

Krankenhaus: Uma trägt einen Kopfverband, ihre Mutter Tabea liest ihr aus einem Buch vorKurz vor der Sendung am 2. Juni interviewte ich sie für den Watch-Salon und verstand – mit dem Glorifizieren und dem Auf-den-Sockel-Stellen ist niemandem geholfen.

Ehrliche Fragen mit ehrlichen Antworten, und mögen sie noch so schmerzlich sein, bringen uns im Verständnis für einander sehr viel weiter.

 

Wenig später sah ich bei einer Ankündigung von Frau-TV das Zitat der Mutter eines behinderten Jungen: „Ich bin definitiv keine Heldin! Ich habe keine Bärenkräfte oder mehr Kräfte als jeder andere auch“. Das Thema „Wir sind keine Heldinnen“ ist also Trend. Journalist*innen sollten sich das zu Herzen nehmen.

 

Die Heldenreise

Dann bekam ich die Gelegenheit David und seine Eltern bei einer abenteuerliche Reise mit der Kamera zu begleiten. Der 25-jährige mehrfachbehinderte Spastiker hatte sich ein Krause-Duo gekauft. Dieser motorisierte Krankenfahrstuhl made in DDR ist ein ulkiges Fahrzeug. Bei gerader Strecke schafft es 50 Stundenkilometer, mit Rückenwind ein bisschen mehr. David taufte seinen Oldtimer „Anna“ und überredete Vater und Mutter, ihn damit an die Ostsee zu kutschen. Von ihrem Wohnort südlich von Leipzig aus sind das rund 500 Kilometer. Der kürzeste Weg führt über die großen Bundesstraßen. Oft waren sie nahezu autofrei. Aber je näher wir an Rostock heran kamen, desto mehr bildeten sich hinter unserem Konvoi Schlangen mit nervösen Autofahrern. Bei deren Überholmanövern stockte mir mehr als ein Mal der Atem, denn das langsame Krause-Duo hat keine Knautschzone.

 

David Hanke und sein Vater freuen sich über einen Pokal, den Mutter Hanke beim Erreichen des Ziels Ostsee überreicht hat

 

Es wurde eine Heldenreise. Das Abenteuer hatte ein nahezu unerreichbares Ziel und seine Protagonisten haben es – aller Skeptiker zum Trotz – bis zum Meer geschafft. Wir haben es optisch und akustisch im Fernsehbeitrag für die MDR-Sendung „selbstbestimmt!“ groß gefeiert.

Und dann musste ich noch einmal an Tabea denken. Davids Mutter Katrin sagte im Interview auch wieder: „Ich bin doch keine Heldin, nur weil ich ein behindertes Kind großgezogen habe. Es ist anstrengend, eine Herausforderung, ja. Aber eine Heldentat, das war erst unsere Ostseefahrt.“

„selbstbestimmt!“, 3.7.2016, 8 Uhr, MDR

Tabea Hosche: „Uma und ich – Glück, Schmerz und Behinderung“ in „Menschen hautnah“ ARD-Mediathek

Mit Anna an die Ostsee: „selbstbestimmt!“ in der MDR-Mediathek bei Minute 1:40