Unterleuten: Juli Zeh und die Landlust

„Nenn mir drei Prominente, die lieber auf dem Land als in der Stadt leben.“ Die Aufgabe, die mir mein ZDF-Redakteur stellte, war schnell bewältigt: in Berlin, wo so gerne Kreative wohnen – und manch einer prominent – liebäugeln viele mit dem Landleben, vor allem die, die das Clubgänger-Alter bereits hinter sich haben. Drei Promis konnte ich ihm auf Anhieb nennen: Nadeshda Brennicke, Schauspielerin mit Pferdehof im Oderbruch, und die Schriftstellerinnen Karen Duve und Juli Zeh, beide mit dörflichen Wohnsitzen in Brandenburg. Alle drei hätte ich gern kennengelernt, die Wahl fiel auf Juli Zeh. Ihr Buch „Unterleuten“ findet gerade sehr viel Beachtung und es passte perfekt zum „Landlust“-Thema der Sendung.   

Juli Zeh ist vor zehn Jahren ins Havelland gezogen, obwohl sie ein Stadtkind ist, aufgewachsen in Bonn, mit Studium in Passau und später dann Leben und Arbeiten in den Großstädten Leipzig und Berlin.

Sie schreibt nur über das, was sie kennt, sagt sie. Also ein Buch über eine Dorfgemeinschaft in Brandenburg – mit Alteingesessenen und Neu-Dazu-Gezogenen. Die Fragen, die sich mir beim Lesen aufdrängten – und über die sie dann im Interview Auskunft gab: Hat sie allen Ernstes die Menschen aus ihrem Dorf beschrieben? (Nein, hat sie nicht.) Kann sie sich nach der Veröffentlichung noch in ihrem Dorf sehen lassen? (Ja, sehr gut.) Ist es eine Abrechnung mit dem Dorfleben? (Nur ein bisschen, geschickt verpackt.)

Ich mochte das Buch. Als wir uns zum Dreh trafen, war die Schriftstellerin überrascht, dass ich es von Anfang bis Ende gelesen hatte. Das tut wohl nicht jeder, der sie interviewt. Himmelfahrt sei Dank, konnte ich auf einer Sonnenliege im Ferien-Garten die 640 Seiten in einem Rutsch in mich hinein schaufeln. Es hat sich gelohnt.

„Unterleuten“ ist großartig, weil Juli Zeh zu einem ganz wunderbaren Stilmittel greift. Sie beschreibt Situationen zuerst aus dem Erleben einer Person, im nächsten Kapitel spiegelt der nächste Protagonist dann diese Person. Es zeigt sich, der größte Idiot – und davon gibt es reichlich in diesem nahezu klischeehaften Durchschnittsdorf – hat im Innenleben ein zärtliches Verständnis für sich selbst, während die Außenwelt den Typen als Katastrophe sieht. Dazu der Dorfklatsch, das Gerede übereinander, wo die anderen immer hartnäckig besser wissen, wie die Dinge liegen. Mikrokosmos Dorf eben.

Vor dem Dreh dachte ich, Juli Zeh ginge mit dem Dorfleben hart ins Gericht. Aber das Interview war dann doch eine einzige Liebeserklärung an das Leben auf dem Land.

“Sonntags – TV fürs Leben”, 5.6.2016, 9 Uhr, ZDF

ZDF-Mediathek: „Von der Lust am Landleben“   Juli Zeh ab Minute 16:22