Prügelstrafe fürs Kind: dargesetllt mit drei Puppenstubenpüppchen: eines prügelt ein anderes, das auf dem Boden liegt

Hiebe statt Liebe

„Warte nur bis Vati nach Hause kommt“. Wer in den 1950iger Jahren Kind war, oder auch noch Anfang der Sechziger, kennt den Spruch. Die meisten hatten ihn wieder und wieder gehört. Wollte die Mutter nicht selber zuschlagen, drohte sie mit dem strafenden Vater. An der Tür zur Kellertreppe hin griffbereit der Teppichklopfer. Auch Kleiderbügel und Ledergürtel, sogar Handfeger, kamen zum Einsatz. Sobald der Vater zu Hause eintraf, wurde übers Knie gelegt: Schläge für kleinste Fehltritte, Bagatellen und Lappalien.

So berichten es auch meine zwei Protagonisten, Uty, 67, und Reiner, 63. Die fand ich durch die Vermittlung einer Kollegin aus dem Journalistinnenbund, denn es war nicht leicht, Betroffene vor die Kamera zu holen. Wenn man ein bisschen herum fragt, haben zwar viele die Erfahrung gemacht, aber darüber öffentlich zu erzählen, ist kompliziert, vor allem, wenn die alten Eltern noch leben. Da hatte es Ingrid Müller-Münch insofern leichter, als sie in ihrem Buch „Die geprügelte Generation“ Betroffene anonymisieren konnte. Das 2012 mit großem medialen Echo aufgenommene Sachbuch hat mich zu meinem Beitrag angeregt. Allerdings sind die Schilderungen in weiten Teilen krasser als das, was Uty und Reiner mir erzählt haben. Aber, jeder Schlag war sowieso einer zuviel.

Die Erklärung dafür, das Eltern sich nicht im Griff hatten und den Frust an ihren Kindern abließen, die Nachbarn wegschauten oder es sogar richtig fanden? Die Berliner Psychotherapeutin Ingrid Meyer-Legrand, die ich für meinen Beitrag interviewt habe, sieht den Grund für diese systematische Prügelstrafe so:

Die Männer sind aus dem Krieg gekommen, haben den Krieg verloren und das wurde denen angekreidet. Das heißt, sie haben ihre bis dahin absolute Macht und Autorität sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Familie verloren. … Die haben mit aller Gewalt versucht, ihre Autorität in der Familie wieder her zu stellen.

Und die Mütter, die oft auch selbst auf ihre Kinder eingedroschen haben?

Die Frauen haben entgegen der nationalsozialistischen Doktrin einen Job gemacht, für den sie schließlich keine Anerkennung bekommen haben. … Sie mussten den Krieg, Vergewaltigungen, die Flucht, den Nationalsozialismus alleine ausbaden. Das hat dazu geführt, das sie sich unter Umständen nicht anders zu helfen wussten als mit Schlägen.

Die Kinder von damals gehen gerade in Rente. Mit dem Ruhestand kommt Zeit zum Nachdenken. Wen die seelische Not der Kindheit heute noch oder wieder quält, dem kann Ingrid Meyer-Legrand helfen, klar doch. Manchmal genügt es aber auch schon, die Geschichten von damals mit anderen zu teilen, im Familienkreis, mit der besten Freundin oder auch in einem Volkshochschulkurs zum biographischen Schreiben.

Was ich diesen Menschen immer wieder vor Augen führe: welche Kraft sie schon als Kinder gehabt haben. Wie erfinderisch sie waren, sich sowohl dem Leid der Eltern zu entziehen, als auch der Gewalt der Eltern. Wie früh sie weggegangen sind, da muss ich sagen, habe ich Hochachtung.

Die „Kraft der Kriegsenkel“ nennt Ingrid Meyer-Legrand ihr Buch, weil Sie eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht hat: Die geprügelten Kinder von einst sind aus der Spirale der Gewalt ausgebrochen. Sie haben den Wehrdienst verweigert, die sozialen Bewegungen nach ’68 und die Frauenbewegung gegründet, das gesetzliche Verbot der Prügelstrafe in der Schule durchgesetzt und die Maxime der gewaltfreien Erziehung ausgerufen.

Prügelstrafe als Erziehungsmethode – kein Thema für den Sonntagmorgen? Aber ja, wir können doch journalistisch nicht immer nur so tun, als wären die Fifties nur Petticoat und Rock’n’Roll gewesen.

“Sonntags – TV fürs Leben”, 1.10.2017, 9 Uhr, ZDF

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