Liegender Grabstein, drumherum hölzerne Rechen, die den Boden bearbeiten

Schrubben für den Frieden

Grabsteine von Kriegstoten zu putzen klingt erst mal nicht gerade aufregend. Als der Auftrag kam, einen Bericht über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu machen, wollte ich eigentlich ablehnen. Aber dann beschrieb mein Lieblings-ZDF-Redakteur das Projekt der Sommer-Jugendcamps so euphorisch, dass ich willens war, auf dem Friedhof „In den Kisseln“ in Berlin-Spandau zu drehen. Hier gibt es riesige Grabfelder mit Kriegstoten und das sind eben nicht nur gefallene Soldaten. Dazwischen liegen auch Frauen, Kinder und andere zivile Bombenopfer, wie Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter – solche Kriegsgräber finden sich übrigens auf vielen Berliner Friedhöfen.

An diesem schönen Sommertag also traf ich junge Leute aus Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Weißrussland, die sich beim Schrubben der Grabsteine Gedanken machten, wer da unter welchen Umständen gestorben war. Aus den Namen und Geburtsdaten lässt sich manches herauslesen: Männlicher Vorname, sechzig Jahre und älter – er gehörte wohl zu den nicht kriegstauglichen alten Männern. Kind, vier oder fünf Jahre alt, vielleicht in einem zusammenstürzenden Haus erschlagen – ein unschuldiges Opfer des Krieges. Mann oder Frau mit osteuropäischem Namen – vermutlich zur Zwangsarbeit nach Berlin gebracht. Männlicher Vorname, 18 oder 19 Jahre alt – zum Kriegsdienst eingezogen und kurze Zeit später gefallen.

Gerade die Grabsteine der jungen Toten machen nachdenklich. Waren diese zum Kriegsdienst Verpflichteten doch genau in dem Alter wie die jungen Leute, die nun, 70 Jahre später, die Steine von Moos und Flechten befreien. Statt wie sie selbst nach der Schulzeit ins Leben hinauszugehen, war deren Zukunft bereits im jugendlichen Alter gewaltsam beendet. Entsprechend berührend waren die O-töne, die ich unter diesen Studierenden aus Osteuropa eingesammelt habe. Den 2. Weltkrieg kennen sie nur aus dem Geschichtsunterricht und manchmal aus den Erzählungen der Großeltern, denn auch ihre Länder waren vom Krieg gezeichnet. Nach 14 Tagen Jugendcamp der Kriegsgräberfürsorge, mit etlichen Vorträgen und einem Besuch im KZ Sachsenhausen, waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig: Wir müssen den Frieden beschützen.

Mehr dazu in meinem Beitrag für

„Sonntags – TV fürs Leben“, 18.8.2019, 9 Uhr, ZDF

oder in der Mediathek: Sehnsucht nach der Heilen Welt
ab Minute 9’30